Simulatortaufe 2.0 – Deutschlands modernster Simulator wird Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Behörden vorgestellt.

Das Maritime Simulationszentrum Warnemünde. Foto: Sören Bolz
Prof. Dr.-Ing. Jürgen Siegl begrüßt die Teilnehmer. Foto: Kerstin Baldauf
Prof. Dipl-.Wirt. Ing Kap. Mario Gehrke bei seiner Präsentation. Foto: Kerstin Baldauf
Georg Finger, M.Sc., zeigt die neuen Möglichkeiten in den Simulationen. Foto: Kerstin Baldauf
Blick aus dem Instruktorraum in den Maschinenkontrollraum im Schiffsmaschinensimulator. Foto: Kerstin Baldauf
Brücke 1 im Schiffsführungssimulator, von außen gesehen. Foto: Kerstin Baldauf
Prof. Dr.-Ing. Jean Rom Rabe bei seinem Impulsvortrag. Foto: Ralf Griffel

1998 wurde das Maritime Simulationszentrum Warnemünde (MSCW) in Betrieb genommen. Jetzt, 25 erfolgreiche Ausbildungsjahre später, wurde eine Teilerneuerung abgeschlossen. Das Land MV und die Hochschule Wismar haben rund 3.6 Mio. Euro investiert, um die Simulationssoftware und die Technik auf den neuesten Stand zu bringen.

Um die neuen Erweiterungen und Funktionalitäten jetzt Vertretern aus der maritimen Wirtschaft, Politik und Behörden vorzustellen, luden Prof. Dipl.-Ing. Kap. Mario Gehrke als Leiter des MSCW und Prof. Dr.-Ing. Jean Rom Rabe als Leiter des Schiffsmaschinensimulators zu einer Präsentationsveranstaltung ein.

Die geladenen Gäste und die am Projekt beteiligten Mitarbeitenden wurden durch den Bereichsleiter, Prof. Dr.-Ing. Jürgen Sieg begrüßt. Anschließend richtete ein Vertreter der Fa. Rheinmetall sein Grußwort an die Anwesenden.

Danach wurden die wesentlichen Neuerungen vorgestellt, hier eine kurze Aufzählung:

Beim Ship-Handling-Simulator (SHS) mit seinen vier Brücken wurde z. B. folgende Hardware erneuert bzw. die Software aktualisiert:

  • Der Simulationskern der Software wurde auf den ANS6000 aktualisiert. Ebenso wurden weitere Betriebssysteme und die Hardware auf den neuesten Stand gebracht.
  • Ein modernes Integrated Navigation System (INS) "Platinum" wird eingesetzt.
  • Das Sichtsystem DISIXtreme kommt zur Anwendung (Software, mit der die Sicht im Simulator generiert wird).
  • Eine Eis-Simulation ist möglich.
  • Zusätzliche, neue Animationen wie z. B. Feuer oder Explosionen auf einem Schiff können für ein Notfallmanagement genutzt werden.
  • Eine PlugIn-Schnittstelle wurde integriert. Über diese Schnittstelle können z. B. selbstgeschriebene Programme in die Simulation eingebunden und genutzt werden.
  • Es gibt jetzt kombinierbare Antriebe, z. B. können ein Azimut-Antrieb und ein Festpropeller-Antrieb gemeinsam auf einem Schiff betrieben werden.
  • Eine Kopplung zum Vessel-Traffic-Service-Simulator (VTSS) ist möglich. Eine Realisierung, die wahrscheinlich nur wenige Simulatoren weltweit besitzen.

Beim Ship-Engine-Simulator (SES) wurde z. B. folgende Hardware erneuert bzw. die Software aktualisiert:

  • Der Simulationskern der Software wurde auf den SES7 aktualisiert. Ebenso wurden weitere Betriebssysteme und die Hardware auf den neuesten Stand gebracht.
  • Eine Ballastwasserbehandlung ist realisiert worden.
  • Eine Abgasnachbehandlung wurde integriert.
  • Ein Hybrid-Antrieb (konventioneller Antrieb/elektrischer Antrieb) ist möglich.
  • Das Power Management System wurde aktualisiert.
  • Ein neues Common-Rail-Maschinenmodell ist jetzt nutzbar.
  • Ein moderner MAN 2-Takt-Dieselmotor kann als Antriebsmotor gewählt werden.
  • Die vorhandene Mittelspannungsanlage wurde erweitert.

Anschließend konnten die Gäste die Simulatoren in Betrieb besichtigen und Fragen stellen, die fachkundig beantwortet wurden. Nach den Führungen gab es die Möglichkeit zum Meinungsaustausch und Netzwerken bei Kaffee und Fingerfood. Dazu wurde auch extra die Dachterrasse des Gebäudes geöffnet.

Nochmal richtig interessant wurde es bei den Impulsvorträgen von Prof. Gehrke zum Schiffsführungssimulator und von Prof. Rabe zum Schiffsmaschinensimulator. Ein wesentliches Ziel der Vorträge war es, mit den Anwesenden ins Gespräch zu kommen.

So wurde beim Vortrag von Prof. Gehrke die Frage in den Raum gestellt, wie weit man in der Simulation gehen soll. Was bringt dabei der Mensch ein (sein Fachwissen und seine Softskills/Teamfähigkeit). Wird mehr Training in der Kommunikation erforderlich sein? Wie wird eine (schiffs-) typbezogene Ausbildung gesehen, wie genau muss dann die Simulation sein? Bei vielen Fragen wäre eine enge Abstimmung mit den Kunden in der maritimen Wirtschaft wichtig, insbesondere bei der Nutzung der Simulation zur Weiterentwicklung in der Lehre. Strategisch wird eine Zusammenarbeit bei der Ausbildung zukunftsfähiger Nautiker gesehen. Dazu gehört auch die Ermittlung von Anforderungen an den Simulator.

Ganz besonders wichtig: spezielle Kooperationen zur seemännischen Nachwuchsförderung bzw. -gewinnung.

Weiter ging es mit Prof. Rabe mit den Chancen und Perspektiven des Schiffsmaschinensimulators und der Frage: wohin soll sich die Simulationstechnik entwickeln? Ein großes Thema ist der „digitale Zwilling“. Den digitalen Zwilling könnte man für z. B. für Fragen zum Antrieb oder zur Überwachung (Fehlererkennung, Diagnose; Automatisierung; Planung von Wartung und Instandhaltung und Monitoring (z. B. nach Gesetzesvorgaben) verwenden.
In der Forschung könnte der digitale Zwilling bei Variantenstudien (Antriebskonzepten oder alternativen Kraftstoffen) sowie der Optimierung Verwendung finden. Offene Fragen wären dann z. B. der Umfang der Detailtiefe, die Modellvielfalt, die grafischen Oberflächen etc.

Ein Problem wäre die Vielfalt der Modelle mit akzeptabler Genauigkeit. Ein Lösungsansatz wäre hier z. B. thermodynamisch und hydr. korrekte Modelle unter Nutzung des Baukastenprinzips. Zur Lösung vieler dieser Fragen wird das Know How aus dem realen Schiffsbetrieb benötigt.

Die nächsten Ziele im Bereich der Simulation werden im Anstieg der Komplexität und der Automatisierung sowie der Klimaziele und Abgasgrenzwerte gesehen.

Im Anschluss an die Impulsvorträge machte Herr Finger folgenden Vorschlag:
Es wird ein neues Format geschaffen werden, bei dem Anwender aus der maritimen Wirtschaft und Mitarbeitende in der Simulatorausbildung in einem Simulatorforum zusammenkommen werden und z. B. in Workshops verschiedene Themen bearbeiten können. Ein erstes Simulatorforum wird es im September 2023 geben.

Abschließend wurde gemeinsam mit den Vertretern aus Wirtschaft, Behörden und Politik über die Vorschläge diskutiert. Hier gab es wertvolle Hinweise aus Sicht der Praxisvertreter und aus Sicht der Professoren. Im ehrlichen Gespräch gab es auch Hinweise darauf, was Absolventen noch nicht so gut können. Es wurde eine gute Grundlage geschaffen, um im zukünftigen Simulatorforum eine gemeinsame Basis der Zusammenarbeit Hochschule-Wirtschaft zu haben. sb.

Ansprechpartner

Leiter des MSCW und Verantwortlich für den SHS:
Prof. Dipl.-Ing. Kap. Mario Gehrke

Verantwortlich für den SES:
Prof. Dr.-Ing. Jean Rom Rabe


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