Stadtbild und Baustruktur Wismars in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts

Stadtbild und Baustruktur Wismars in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts

Unter diesem Titel stand das Teilprojekt, das im Rahmen des Gesamt-projektes „Städtesystem und Urbanisierung im Ostseeraum in der Neuzeit - Historisches Informationssystem und Analyse von Demografie, Wirtschaft und Baukultur im 17. und 18. Jahrhundert“ von November 2001 bis Dezember 2004 an der Hochschule Wismar bearbeitet wurde.

Projektbearbeitung:

  • Prof. Dr.-Ing. Frank Braun (Leiter)
  • Dipl.-Ing. FH Britta Schulz (November 2001 bis Dezember 2004)
  • Dipl.-Ing. FH Veit Zimmer (November 2001 bis Mai 2002)
  • Dipl.-Ing. FH Matthias Westphal (September bis Dezember 2003)
  • Dipl.-Ing. FH Claudia Hacker (April bis Dezember 2004)
  • Dipl.-Ing. FH Gina Svenson (April bis Oktober 2005)
  • Kathleen Kessler M.A. (Juli bis September 2006)
  • Christine Decker, Uni Rostock (März bis September 2003)
  • Diplomanden: Michael Both, André Habel, Ronny Kleinke, Gina Koßbau, Raik Sopauschke und Ulf Münchhoff
Arbeitsprogramm

Unsere Untersuchungen konzentrierten sich auf drei Schwerpunkte: Die Veränderungen des „äußeren“ Stadtbildes durch den Ausbau der Stadt zur „modernen“ Festung, den Wandel des „inneren“ Stadtbildes und der innerstädtischen Baustruktur und Grundstücksnutzung durch die Neu- und Umbautätigkeit der Einwohnerschaft sowie die Wechselwirkungen zwischen der Baustruktur einerseits und der Wirtschafts- und Sozialstruktur der Stadt andererseits.

Vor dem Hintergrund des skizzierten Forschungsstandes sollte daher in unserem ersten Arbeitsschwerpunkt versucht werden, anhand schriftlicher Quellen und historischer Karten den Wandel des Stadtbildes nachzuvollziehen, den der durch den Dreißigjährigen Krieg und die anschließende schwedische Herrschaft veranlasste durchgreifende Umbau der Befestigungsanlagen im 17. Jahrhundert verursacht hatte. Fragen nach den verantwortlichen Architekten dieser Baumaßnahmen waren in diesem Zusammenhang ebenfalls zu klären, um Zusammenhänge mit anderen Städten im Ostseeraum überprüfen zu können. Hierzu war eine Erfassung und vergleichende Auswertung historischer Karten des 16. bis frühen 19. Jahrhunderts, in denen die Befestigungsanlagen dargestellt sind, erforderlich. Wichtige historische Karten aus der Zeit zwischen 1630 und 1834 wurden mit kommentierenden Texten in das geplante digitale Informationssystem eingebunden. Darüber hinaus wurden digitale Schaubilder angefertigt, die auf der Basis einer aktuellen Kartengrundlage den Wandel der Befestigungsanlagen in ausgewählten Zeitabschnitten zwischen dem Beginn des 17. Jahrhunderts und der Gegenwart zeigen. Als Kartengrundlagen wurden neben den Karten des Stadtgeschichtlichen Museums und des Stadtarchivs, die teilweise bereits publiziert waren, auch bis dahin nicht veröffentlichte Karten, insbesondere aus dem Stockholmer Kriegsarchiv, genutzt. Zur Untersuchung der innerstädtischen Baustruktur standen einerseits die noch erhaltenen Gebäude als Sachquellen sowie die schriftlichen Quellen und Karten in Archiven und Museen zur Verfügung. Der erste Arbeitsschwerpunkt lag auf der noch erhaltenen Bausubstanz.

Über die bereits bekannten Bauten des 17. Jahrhunderts sollten weitere Gebäude ermittelt werden, die in dieser Zeit entstanden sind. Da eine Datierung über das äußere Erscheinungsbild (Straßenfassade, Baukörper) aufgrund späterer Umbauten in der Regel nicht möglich war, wurden ausgewählte Häuser durch Innenbegehungen, insbesondere der Dachwerke, näher untersucht. Für eine solche Begehung konnten die Gebäude ausgeschlossen werden, die aufgrund von Hinweisen aus der Literatur oder aus den Baupolizeiakten eindeutig als jüngere Neubauten der vergangenen etwa 120 Jahre zu identifizieren waren. Eine Bearbeitung des gesamten Altstadtgebietes wurde angestrebt. Die Ergebnisse der Erhebungen in der heutigen Bausubstanz werden über ein Geo-Informationssystem digital archiviert.

Forschungsstand

Bei Antragsstellung des Projektes im Jahre 2001 ließ sich der Forschungsstand zum Thema wie folgt zusammenfassen:

Der profane Baubestand der Wismarer Altstadt ist baugeschichtlich bisher nur sehr unzureichend untersucht und dokumentiert. Dies betrifft sowohl die mittelalterliche Bausubstanz als auch den Baubestand des 16. bis 19. Jahrhunderts. Vorliegende Veröffentlichungen beziehen sich überwiegend auf stadt- bzw. kunstgeschichtlich herausragende Gebäude und hier wiederum auf deren Äußeres. Im Vordergrund stehen insbesondere die Bauten des 14. und 15. Jahrhunderts. Halbwegs vollständige und detaillierte Bestandsaufnahmen einzelner Profanbauten wurden bisher nicht veröffentlicht. Den einzigen Ansatz für eine flächendeckende vergleichende Erfassung der Wismarer Altbausubstanz stellt die Aufnahme der Keller unter den Häusern dar (Gude/Scheftel 2001). Ähnliches gilt für den Stadtgrundriss: Fragen nach der Entwicklung der Parzellenstruktur der Baublöcke und den Beziehungen zwischen Parzellenstruktur, Baustruktur und Nutzung wurden bisher nicht systematisch bearbeitet.

Die Entwicklung der Befestigung der Stadt Wismar im 17. Jahrhundert war bisher ebenfalls nicht Gegenstand umfassender Untersuchungen, lediglich in zahlreichen kleineren Veröffentlichungen wurden Teilaspekte wiederholt aufgegriffen (Schubert 1990 und 1991, Hoppe 1993, 1995 a und b). Dies hängt u.a. auch damit zusammen, dass umfangreiches Material zu Fragen der Stadtbefestigung in dieser Zeit im Kriegsarchiv in Stockholm liegt und daher bis 1989 für Wissenschaftler aus der DDR nicht ohne weiteres zugänglich war.

Wie die in den 1980er Jahren in Lübeck durchgeführten Untersuchungen gezeigt haben, sind Aufschlüsse über die Entstehung und Entwicklung städtischer Bebauungsstrukturen und Hausformen nur durch einen interdisziplinären Forschungsansatz zu erreichen, der neben bauhistorischen Reihenuntersuchungen in den Gebäuden auch die Dendrochronologie und die Auswertung schriftlicher Quellen einbeziehen muss. In den vergangenen Jahren wurde daher durch den Antragsteller eine vergleichende Erfassung ausgewählter Dachkonstruktionen in Verbindung mit dendrochronologischen Untersuchungen durchgeführt, um über die Datierung der Dachwerke Rückschlüsse auf zeitliche Schwerpunkte der Bautätigkeit in Wismar ziehen zu können (Braun 1999 und 2000). Insgesamt wurden bis 2001 etwa achtzig Dachkonstruktionen erfasst und etwa sechzig dendrochronologisch untersucht, sodass nunmehr hinreichend genaue Datierungshilfen zur groben Altersbestimmung von Dachkonstruktionen gegeben sind. Die wesentlichen Datierungskriterien sind neben den Abbundzeichen in erster Linie die Knotenpunkte zwischen Sparren und Kehlbalken. Die Untersuchung der Dachkonstruktionen hat gezeigt, dass in Wismar insbesondere in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine äußerst intensive Bautätigkeit (Neubau und Umbau) stattgefunden hat. Abgesehen von einigen älteren mittelalterlichen Dächern und einigen Dachkonstruktionen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt die überwiegende Zahl der Dachwerke aus dieser Zeit. Zahlreiche inschriftliche Datierungen von Straßenfassaden liegen ebenfalls in diesem Zeitraum.

Ergebnisse
  • Wandel der Stadtbefestigung: Dieser Schwerpunkt wurde Mai 2003 von Matthias Westphal bearbeitet. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse finden Sie hier.

  • Informationssystem "Baustruktur Altstadt Wismar 2002": Als Grundlage für die bauhistorische Untersuchung einzelner Gebäude wurden zunächst flächendeckend in der gesamten Altstadt Grundinformationen zur vorhandenen Bausubstanz mit Hilfe eines GIS-Programms erfasst. Das daraus entstandene Informationssystem steht im Internet zur Verfügung. Bitte vorher den Adobe SVG Viewer 3.0 (kostenloses Plug-In) auf Ihrem Computer installieren und die allgemeinen Erläuterungen lesen, bevor Sie das Informationssystem öffnen. Den vollen Funktionsumfang gewährt Ihnen derzeit nur der Microsoft Internet Explorer. Bei älteren Computern müssen Sie längere Ladezeiten einkalkulieren.

  • Informationssystem "Hausbiografien Wismarer Häuser des 17. und 18. Jahrhunderts": Im Rahmen des Projektes konnte in zahlreichen Gebäuden umfassende Bautätigkeit im 17. und 18. Jahrhundert nachgewiesen werden. Eine Übersicht über das gesammelte Material steht in sogenannten "Hausbiographien" als digitales Informationssystem im Internet zur Verfügung. Bitte lesen Sie unbedingt die Infodatei, bevor Sie das Informationssystem öffnen. Eine vergleichende Auswertung des gesammelten Materials wird derzeit bearbeitet, für 2006 ist eine Veröffentlichung der Ergebnisse geplant.

  • Informationssystem "Baustruktur Wismar 1680": Die Baustruktur Wismars nach dem „Alten Stadtbuch“ von 1680 wurde 2002 bis 2004 von Claudia Hacker mit Hilfe eines GIS-Programms bearbeitet. Das daraus entstandene Informationssystem steht im Internet zur Verfügung. Bitte vorher den Adobe SVG Viewer 3.0 (kostenloses Plug-In) auf Ihrem Computer installieren und unbedingt die allgemeinen Erläuterungen lesen, bevor Sie das Informationssystem öffnen. Den vollen Funktionsumfang gewährt Ihnen derzeit nur der Microsoft Internet Explorer. Bei älteren Computern müssen Sie längere Ladezeiten einkalkulieren.

  • Digitale Visualisierung von Einzelgebäuden: Im Rahmen der Diplomarbeit von André Habel wurde versucht, das Giebelhaus Scheuerstr. 15 in seinem derzeitigen Zustand sowie ältere Bauzustände der Zeit um 1300 und um 1644 zu visualisieren. Auszüge aus der Arbeit finden Sie hier.
Literaturhinweise
  • Braun, Frank: Dachkonstruktionen des 14. bis 17. Jahrhunderts in Wismar. In: Archäologie und Bauforschung in Lüneburg, Band 4 (1999), S. 135-138
  • Braun, Frank: Baugeschichtliche Untersuchungen zum privaten Hausbau des 14. bis 19. Jahrhunderts in Wismar. In: Wismarer Beiträge, Heft 14 (2000), S. 53-63
  • Braun, Frank: Die Veränderung von Stadtbild und Baustruktur in Wismar in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in: Kersten Krüger/Gyula Pápay/Stefan Kroll (Hrsg.): Stadtgeschichte und Historische Informationssysteme. Der Ostseeraum im 17. und 18. Jahrhundert. Beiträge des wissenschaftlichen Kolloquiums in Rostock vom 21. und 22. März 2002, Münster 2003, S. 272-280
  • Braun, Frank/Kroll, Stefan (Hrsg.): Städtesystem und Urbanisierung im Ostseeraum in der Frühen Neuzeit. Wirtschaft, Baukultur und Historische Informationssysteme. Beiträge des wissenschaftlichen Kolloquiums in Wismar vom 4. und 5. September 2003. Münster 2004
  • Angela Gude/Michael Scheftel: Kellerplan für die Hansestadt Wismar. Ein Vorbericht. In: Neue Untersuchungen zu Baumaterial und Hausbau. Berichte zur Haus- und Bauforschung, Band 6. Marburg 2001, S. 103-118
  • Hoppe, Klaus-Dieter: Die Insel Walfisch als archäologisches Denkmal. In: Wismarer Beiträge, Heft 9 (1993), S. 29-35
  • Hoppe, Klaus-Dieter: Der schwedische Festungsbaumeister Erik Dahlberg und Wismar. In: Wismarer Beiträge, Heft 11 (1995), S. 43-53 (zitiert Hoppe 1995 a)
  • Hoppe, Klaus-Dieter: Die schwedischen Festungen in Mecklenburg und Vorpommern. In: Ein Jahrtausend Mecklenburg und Vorpommern. Rostock 1995, S. 171-178 (zitiert Hoppe 1995 b)
  • Krüger, Kersten/Pápay, Gyula/Kroll, Stefan (Hrsg.): Stadtgeschichte und Historische Informationssysteme. Der Ostseeraum im 17. und 18. Jahrhundert. Beiträge des wissenschaftlichen Kolloquiums in Rostock vom 21. und 22. März 2002, Münster 2003
  • Schubert, Matthias: Zur Geschichte der Befestigungsanlagen der Stadt Wismar. Teil I: 13. bis 16. Jahrhundert. In: Wismarer Beiträge, Heft 6 (1990), S. 73-87
  • Schubert, Matthias: Zur Geschichte der Befestigungsanlagen der Stadt Wismar. Teil II: 17. und 18. Jahrhundert. In: Wismarer Beiträge, Heft 7 (1991), S. 37-49
  • Stadtgeschichtliches Museum Wismar (Hrsg.): Schwedenzeit. Wismar 1998
  • Wismar. Stadtansichten aus fünf Jahrhunderten. Aus den Beständen des Stadtgeschichtlichen Museums Wismar. Schwerin 2000